Schul - Traum 1

Zum Ausklang des Kalenderjahrs beantwortet Friedhelm Märsch vom Schulleitungsteam WS die Anfrage, woran er wahrnehmen würde, dass sich eines Tages seine Vision von Schule realisiert hätte:

Schul-Traum

Es ist ein schöner Frühlingstag. Bei so einem Wetter fahre ich gern mit dem E-Bike quer durch das Muldental zu meiner Schule in Großbardau. Ich stelle mein Fahrrad unter, sattle meine Taschen ab, früher hatte ich mal zwei, rechts und links, eine für das Selbstgekochte und eine für die Schulsachen. Aber seit einiger Zeit esse ich wieder in der Mensa, der Bio-Caterer bietet neuerdings gesunde Salate und eine ausgewogene Küche, die tatsächlich schmeckt.

Ich gehe die Rollstuhlserpentine zum Eingang der Schule hoch. Beim Öffnen der Tür kommen mir leise Klänge Klaviermusik entgegen, Pauline aus der 10 spielt ihr morgendliches Übungsstück auf dem Klavier im Schülercafe links im Foyer. Die Selbstorganisation klappt wirklich gut, seitdem die Schülerinnen und Schüler die Verantwortung dafür übernommen haben.

Gut, dass ich ein bisschen früher gekommen bin, Zeit für meinen Morgencappuccino, ich biege rechts ab und schlendere in eine der abgeteilten Gruppenecken, in der die Projektgruppe mit einigen Schülern des fächerverbindenden Grundkurses der Oberstufe stattfinden soll. Der große Flachbildschirm am Eingang weist mir den Weg: "8:30 Uhr bis 10:00 Uhr, GK 11/12 FVG, Gruppe 'Integrale Lebensführung"(Ken Wilber)'".

Ich gehe leise, ich will Pauline nicht stören, ich höre sie gern spielen. Mit dem dampfenden Kaffee in der Hand biege ich in den Gruppenbereich ein. Einige Schüler sind schon da, sie diskutieren angeregt über die Entscheidungen der Schulversammlung am gestrigen Nachmittag. Es geht mal wieder um die Handynutzung, eine Schülergruppe "Förderer des aufrechten Gangs" (FdaG) hat sich diesmal durchgesetzt und für die nächsten Monate eine generelles Handyverbot durchgesetzt. 

"Das sind doch Bilderstürmer!", sagt Timo und Nana meint: "Eben Sozial-Romantiker!". Dabei rollt sie bedeutungsvoll das "R". Ich hoffe im Stillen, sie weiß, wovon sie redet. Ja, Demokratie ist anstrengend und tut manchmal weh.

Ich setze mich gemütlich in den Ohrenesessel, den mir die Abschlussklasse aus dem letzten Jahr für die Gruppenecke geschenkt hat, natürlich nachhaltig besorgt aus gut erhaltenen Sperrmüllbständen. Dafür, dass ich ihnen nicht ihr Lernen (vor)weggenommen habe. "Für besondere Leistungen in behut- und achtsamer Lernbegleitung" stand auf dem Schild. Damit kann ich gut leben und mit dem Sessel sowieso.

Mit der Fernbedienung schalte ich den Smartwall an der Rückseite des Gruppenbereichs an und klinke mich mit meinem Tablet in das Schul-Netz ein. Kevin und Martha schalten sich von daheim in den Kurs ein, sie erscheinen auf der rechten Seite im Fensterbereich des Smartwalls. Wir warten noch auf Roman, ein Schüler der gerade an einem Schüleraustausch mit der chinesischen Stadt DaLin teilnimmt und sich ebenfalls online einklinkt. Als alle Schülerinnen da sind, schließen wir das flexible Türelement der Gruppe.

Jonny und Iva halten heute ein Referat über Ken Wilbbers "Eros, Kosmos und Logos", de philosophische Knaller aus den Neunzigern. Wir schalten den Videomitschnitt ein, der ihren Beitrag direkt ins Schulnetz aufzeichnet und sofort für alle verfügbar macht. Nach dem Referat checke ich meinen Tagesplan auf dem Tablet. Zwei Einführungsangebote zum klassischen Drama und zu epischen Kleinformen für den Sekundarstufen-Bereich liegen noch an, also zweimal Deutsch-Atelier, dazwischen habe ich eine Dreiviertelstunde Zeit. Da schau ich, glaube ich, mal im Entspannungsraum vorbei.

Im Ganztagsangebot habe ich mittags noch zwei Stunden Theatergruppe. Es hat scheinbar geklappt, den großen Kreaktionsraum dafür zu buchen, da können wir heute direkt auf der großen Bühne mit Profibeleuchtung proben. Ist ja auch nicht mehr viel Zeit bis zu Aufführung.

Ach, und der Deutsch-LK der 12. trifft sich heute erst einmal zum "Arbeitsessen" bei Robert. Sie wollen noch einmal die Unterlagen zur Literatur im Sturm und Drang gemeinsam durchgehen und bitten mich in der Zeit online für etwaige Fragen zur Verfügung zu stehen. Na klar, da werde ich in der Zeit einen Platz in der Schul-Infothek reservieren und über VisualEva ansprechbar sein. Da kann ich dann parallel noch einiges für meine Unterrichtsangebote im Deutsch-Team vorbereiten.

Ein Fenster poppt auf meinem Tablett auf. Vertretungsanfrage für die 8 OS. Eine Liste der verfügbaren Lehrer zeigt, dass gerade nicht viele Zeit haben, außerdem ist heute mein Bereitschaftstag. Ich bestätige den Einsatz-Button und mache mich auf den Weg. 

Die Entspannung muss dann nochmal warten.

Friedhelm Märsch / November 2017

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